Arbeit und Familie – nicht nur die Rosinen rauspicken

Immer mal wieder lassen sich große und namenhafte Redaktionen zu Berichterstattungen zu den verschiedensten Themen hinreisen. Mit dem berühmten Blick über den Tellerrand werden in allerlei Kontexten die Rosinen aus dem Kuchen anderer Länder gepickt. So auch vor kurzem in einem Artikel des Spiegels geschehen, der sich rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Norwegen dreht. So liest man vom Land der Glückseligen mit verteilten Aufgaben zwischen Mann und Frau, einem freien Wochenende jede Woche und traumhaften familienfreundlichen Arbeitszeiten. Weil Norwegen ja nicht das einzige familienfreundliche Land auf der Erde ist, wird auch gleich noch mit Schweden verglichen.

Ja und, weil das alles da so toll ist und augenscheinlich Milch und Honig fließen,  ist natürlich die deutsche Familie Gegenstand des Artikels, die bewusst wegen der Familienfreundlichkeit nach Norwegen zieht. Spätestens beim dargestellten Tagesablauf zweifeln wir allerdings, ob die Vergleiche zwischen Norwegen bzw. Schweden und Deutschland nicht wieder einmal mächtig hinken. So wird im Artikel von der Beschäftigung beider Partner berichtet. Die 40 Stunden Woche endet in der Kernarbeitszeit zwar um 3 Uhr nachmittags jedoch arbeitet man stündlich so versetzt, dass am Ende beide um 17 Uhr mit den Kids am Abendbrottisch sitzen können. Das beinhaltet auch täglich einen relativ frühen Arbeitsbeginn und ein knappe Mittagspause – also am Besten am Platz.

Und später am Nachmittag…

Da besteht das gemeinsame Essen aus in etwa einer guten halben Stunde und danach beginnt in Norwegen scheinbar die organisierte Freizeit, die im Artikel als Begleitung der Kinder zu Kursen und Angeboten beschrieben wird. Und auch das freie Wochenende ist im Besten Familiensinn mit einem Hüttenbesuch verplant. Alles in allem finden wir, dass es die NorwegerInnen richtig machen und das Beispiel absolut nachahmenswert wäre, wäre da nicht in Deutschland die tausenden und aber tausenden abers…

Von der Arbeitszeit in der Woche sind Deutschland und Norwegen zwar laut Statistik dicht beeinander – jedoch haben deutsche im Schnitt mehr Urlaub und auch mehr Feiertage. Was die Erwerbstätigkeit beider Partner angeht, wir befördern Teilzeitarbeit und Minijobs. Wie eine IAQ Studie belegt , bleibt die Kluft zwischen den Arbeitszeiten der Geschlechter in Deutschland tief: Männer in Deutschland arbeiten im Durchschnitt 40,3 Wochenstunden, Frauen nur 32,3 Stunden. Die Gallup Studie spiegelt aussagekräftig wieder, wie deutsche Arbeitnehmer Ihre Arbeit im Unternehmen verrichten .  So ist eine der Kernaussagen, dass 67 % aller deutschen Mitarbeiter nur noch am Arbeitsplatz anwesend sind .

Ländervergleich Norwegen

Deutschland

geographische Gliederung 19 Verwaltungsprovinzen 16 Bundesländer
Einwohner 5.051300 Mio 81.993 Mio
Erwerbstätige 2.536000 Mio 41,415 Mio. (02/2013)
Erwerbslosenquote 3,4 % (2010) 6,0 % (02/2013)
Arbeitslose 86.000 (4/2012) 3,098 Mio. (03/2013)
Arbeitslosenquote (2013) 3,20%

7,30%

Kaufkraftparität (BIP/Einw.) 37.897 $ 53.471 $
Wirtschaftswachstum 2,5 % (Prognose 2013)1,7 % (2000 – 2013) 0,8 % (Prognose 2013)

1,1 % (2000 – 2013)

Geburtenrate 1,88 Kinder je Frau 1,36 Kinder je Frau
Geschlechterquote Ja (seit 2003) Nein
Bildungswesen vereinheitlichtes Schulsystem mit Verwaltungsinstanz beim Ministerium für Bildung und Forschung föderalistisch (16 Bundesländer, Lehr- und Bildungspläne, Schulgesetze)
Schulpflicht 6 bis 16 Jahre 9 bis 13 Jahre
Frühkindliche Bildung Kindergarten Kindertagesstätten/Kindertagespflege
Rechtsanspruch Betreuungsplatz Ja, Kinder zwischen 1 und 5 Jahren im Kindergarten Ja, ab vollendeten 3. Lebensjahr Kindergartenplatz | ab August 2013 ab 1. Lebensjahr bis 3. Lebensjahr in Krippe oder Kindertagespflege
Kindergeld 129,00 € 190,00 €
Kinderbetreuungsbeihilfe Für 1 bis 3-jährige, die nicht in den Kindergarten gehen bis zu 415 € im Monat In einigen Bundesländern Landeserziehungsgeld / ev. Ab August 2013 Betreuungsgeld von 100 € im Monat* / später 150 Euro pro Kind
Elterngeld 46 Wochen bei vollem Lohnausgleich (100 % Elterngeld) bzw. 56 Wochen bei 80 Prozent Elterngeld / seit 1993 sog. Vaterquote: 10 Wochen der Elternzeit für Vater. Wenn er diese Freistellungsmöglichkeit nicht in Anspruch nimmt, verfallen die Leistungen für diese 10 Wochen 98 Wochen Elterngeld bis max. 14 Lebensmonat des Kindes / einkommensabhängig und beträgt zwischen 65 und 100 Prozent des Netto-Monatseinkommens, höchstens 1.800 Euro, mindestens 300 Euro im Monat / seit 2007 mindestens 8 Wochen Vätermonate
Lebenshaltungskosten / repräsentativer Warenkorb Im Vergleich zum europäischen Durchschnitt müssen Verbraucher in Norwegen +50,7 % mehr für den Warenkorb zahlen Im Vergleich zu den 27 EU-Mitgliedsstaaten müssen Verbraucher in Deutschland 3,4 % mehr für den Warenkorb zahlen.

*Betreuungsgeld wurde 2015 rückwirkend für verfassungswidrig erklärt

Familienfreundlichkeit hat auch einen Preis

Während es erst vor 7 Jahren in Studien rund um die Arbeitswelt noch darum ging die Effektivität und Produktivität der MitarbeiterInnen mit familienfreundlichen Maßnahmen zu befördern, zu untersetzen und zu belohnen, stehen viele Arbeitgeber heute vor dem Problem überhaupt passende Mitarbeiter zu finden und zu binden. Der bunte Strauß an Zuschüssen, Belohnungen und geldwerten Steuervorteilen macht viele MitarbeiterInnen eher satter und zufriedener. Oft können die Beschäftigten aufgrund der Vielzahl von (vor allem kinderfreundlichen) Maßnahmen das Geschenk des Arbeitgebers gar nicht bewerten – geschweige denn schätzen. Viele Maßnahmen sind im Unternehmen zum Standard geworden. Vom frischen Obst, über Getränke bis hin zum Zuschuss zum Betreuungsplatz sind Mitarbeiter mittlerweile an das „pampern“ gewöhnt. Familienfreundliche Arbeitgeber sind beliebter denn je.

Das Motto Vereinbarkeit von Arbeit und Familie übersetzen die Medien mittlerweile durchweg mit Kinderfreundlichkeit . Angesprochen werden vor allem Haushalte, die kleinst- und Kleinkinder und Heranwachsende bis 12 Jahre unter Ihrem Dach haben. Das spüren auch Beschäftigte und Mitarbeiter, die keine Kinder haben oder aber, wo die Kinder schon aus dem Haus sind. Familienfreundliche Arbeitszeiten äußern sich in Mutti-Schichten auch für Väter, Besprechungen nicht nach 16 Uhr und das vermeiden von Schichtarbeit. Wegen Wochenend- und Schichtarbeit scheiden in einigen Branchen, wie z.b. in der Gastronomie, Frauen und Männer mit kleinen Kindern wahrscheinlich generell als potentielle Fachkräfte aus. Ob es für einen Arbeitgeber wirtschaftlich günstig ist als Rosine familienfreundliche Besprechungszeiten einzuführen, steht in Deutschland auf einem anderen Blatt.

Was wir von anderen Ländern lernen können

Ob im Arbeitsalltag oder in der Bildung – andere Länder, andere Sitten. Andere Länder haben nicht nur andere Modelle sondern auch andere Voraussetzungen und wirtschaftliche Grundlagen. Die norwegische Bevölkerung wächst nicht nur auf natürlichem Weg sondern auch durch Einwanderung. Die deutsche Bevölkerung hingegen schrumpft auf lange Sicht. Wer A sagt, muss auch B sagen, heißt im Klartext, wenn wir norwegische Verhältnisse haben wollen, müssen wir noch vor den einfachen Wochenendhütten die Vollbeschäftigung für beide erwerbsfähige Partner einführen. Weil wir den Gleichklang in Deutschland so lieben werden wir generell zu 2 festen Tageszeiten und einmal am Wochenende im Stau stehen müssen und das Mittag essen wir dann eben als halbwarme Mahlzeit um 17 Uhr. Ein straff organisierter Tagesablauf mit einer tollen Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedeutet dann vielleicht auch noch ohne Fernseher abends 2 Stunden Emails zu lesen, um den neuen Tag vorzubereiten.

P.S. Danke dem Spiegel für seine Inspiration.

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